Leipzig – 90 Minuten von der Abstiegsangst zur Europareise
Werder Bremen – RB Leipzig 3:1
Vor dem Anpfiff hätte ich für einen Punkt unterschrieben. Nach dem Abpfiff habe ich meine Europarundreise geplant.
Dazwischen lagen 90 Minuten, in denen mein Saisonziel zweimal die Etage gewechselt hat.
Die Erwartung: Außenseiter mit Restoptimismus
Ich hatte im Transfermarkt-Forum vor dem Spiel geschrieben, dass ein Sieg gegen Leipzig eine faustdicke Überraschung wäre. Das nehme ich zurück – aber nur ungern, denn dieser Irrtum war der angenehmste seit Langem.
An einen so eindeutigen Sieg habe ich keine Sekunde geglaubt, meine Hoffnung war grundsätzlich ein Unentschieden. Verletzte gab es auf beiden Seiten, das gleicht sich über eine Saison aus. Was sich nicht ausgleicht: erst Freiburg auswärts, dann Leipzig zu Hause. Schlechter kann man sich den Start in eine 34er Saison kaum einteilen – und eingeteilt habe ihn nicht ich, sondern die DFL.
Vor dem Anpfiff standen mir jedenfalls die Haare zu Berge. Bei mir ist das kein Bild, sondern eine Frisur….
Das Spiel: dasselbe Wappen, eine andere Mannschaft
Und dann, mit dem Anpfiff, stand da eine Mannschaft auf dem Platz, die mit der aus Freiburg nur das Wappen gemeinsam hatte. Nicht taktisch, nicht spielerisch, sondern vom Willen und vom Auftreten her – und das sieht man von der Tribüne aus sofort, so wie man auch sofort sieht, wenn es fehlt. In Freiburg hat es gefehlt.
Nach vier Minuten führte Werder. Eren Dinkçi, nach einer Balleroberung von Olivier Deman, und das Ganze ging so schnell, dass ein Teil des Stadions den Treffer erst am Jubel bemerkt hat.
Danach hatte Leipzig den Ball – zeitweise um die 70 Prozent Ballbesitz – und Werder hatte die Ordnung. Zur Pause stand es immer noch 1:0, was für Bremer Verhältnisse eine Form von Luxus ist. In der 68. Minute köpfte Niclas Füllkrug nach einer Ecke von Marco Grüll zum 2:0 ein, in der 80. Minute machte Grüll das 3:0 selbst.
Und wer Werder länger verfolgt, weiß, was so ein Eckball-Treffer bei uns bedeutet. In der vergangenen Saison hat bis zum 25. Spieltag keine einzige Ecke ein direktes Tor gebracht – erst gegen Union Berlin im März fiel der Bann. Ob das je ein Bundesligarekord war, weiß ich gar nicht; angefühlt hat es sich jedenfalls so.
Der einzige Schönheitsfehler kam in der fünften Minute der Nachspielzeit: Ridle Baku zum 3:1. Ein Heimspiel zu Null zu gewinnen wäre halt noch das i-Tüpfelchen gewesen, und das ist mir auf den letzten Metern abhandengekommen. Beschweren möchte ich mich trotzdem nicht, obwohl es doch eigentlich schon vom Stil dazugehört.
Wer das Spiel in Zahlen nachlesen will: der Spielbericht bei Transfermarkt.
Der Mensch der Etappe: mein Bruder Thomas
Eigentlich sollte meine Mutter mitkommen. Sie musste kurzfristig absagen, und mein Bruder Thomas ist eingesprungen – gemeinsam mit seinem Sohn und meinem Neffen Jonathan. Wir saßen im Business-Bereich; ich habe dort drei Karten, von denen in der Regel zwei für Gäste frei sind. Meine beiden anderen Neffen waren ebenfalls im Stadion, auf anderen Plätzen.
Meine Mutter kommt bei einem der nächsten Spiele mit, dann stelle ich sie hier vor. Sie ist immerhin einer der Gründe, warum ich überhaupt Fußballfan geworden bin.
Thomas hat sich gefreut und sich gleichzeitig geärgert, weil er abends noch eine Verabredung hatte und deshalb zur Halbzeit aus dem Stadion musste. Genau deswegen wollte er ursprünglich lieber ganz absagen. Damit war er an diesem Nachmittag der Einzige, der vorzeitig ausgewechselt wurde – auf eigenen Wunsch und mit dem denkbar schlechtesten Timing. Beide Bremer Tore der zweiten Halbzeit hat er nicht mehr gesehen.
Dabei ist er derjenige, mit dem das alles angefangen hat, und er hat einen erheblichen Anteil daran, dass ich überhaupt Werder-Fan geworden bin – und zwar in genau dieser Intensität. Wir gehen seit frühester Kindheit gemeinsam ins Stadion, und als Halbstarker hat er seinen kleinen Bruder immer wieder mitgenommen, obwohl das keine Selbstverständlichkeit ist.
Später war er einer der wirklich allerersten User auf Transfermarkt und über Jahre einer meiner wichtigsten Ratgeber. Nicht, weil er von Fußball mehr Ahnung hatte 😉, sondern weil er die Seite konsequent als Fan gelesen hat und nicht als Betreiber. Diese zweite Meinung war oft mehr wert als jede Auswertung.
Dass jetzt sein Sohn danebensitzt, hat den Sieg natürlich noch besser gestaltet. Außerdem konnten wir auf meiner neuen Spaß-App Beerhop unsere Biere posten….
Die Kurve: „Auf geht’s Werder! Kämpfen und siegen“
Die Ostkurve hatte vor dem Anpfiff eine Blockfahne über den halben Rang gezogen, auf der in großen Buchstaben genau zwei Wörter standen: KÄMPFEN SIEGEN. Also exakt der Schlachtgesang, den ich die ganze Woche vor mir hergesummt habe:
„Auf geht’s Werder! Kämpfen und siegen“
Auf meinem Foto steht mein Trikot-Rücken mit CYBERSOCCER 34 und #34erSaison direkt davor.
Nach dem Abpfiff hat sich die Mannschaft bei der Kurve bedankt und die Kurve hat die Mannschaft gefeiert. Ich habe zum ersten Mal in dieser Saison „Oh wie ist das schön“ laut mitgesungen, und Textsicherheit war an diesem Tag nun wirklich keine Herausforderung.
Grüll: Standardware in bester Qualität
Marco Grüll hat großartig gespielt: ein Tor, eine Vorlage per Ecke und über 90 Minuten der auffälligste Bremer auf dem Platz. Niclas Füllkrug nannte ihn hinterher „überragend“, Trainer Daniel Thioune sprach von einem „Top-Top-Top-Spiel“. Grüll selbst hat es auf die Arbeit an den Standards und auf Olivier Deman geschoben – schön, wenn einer nach so einem Nachmittag auch im Interview noch abspielt.
Damit ist er ab sofort auch mein Lieblingsspieler. Uneigennützig ist das natürlich nicht, denn ich habe ihn im Transfermarkt-Managerspiel im Kader.
In Freiburg hat mir das Managerspiel Punkte gebracht, die ich gar nicht haben wollte – Suzukis Dreierpack ausgerechnet gegen Werder. Diesmal zeigten Herz und Punktekonto in dieselbe Richtung, und das ist die deutlich angenehmere Variante.
Die Reiseplanung
So funktioniert Fußball. Nach Freiburg hatte ich die Abstiegssaison innerlich schon durchgeplant und mich immerhin damit getröstet, dass ich mir als Fan nichts vorzuwerfen habe, weil ich ja ohnehin alle 34 Spiele sehe – ob sie mir gefallen oder nicht.
Nach Leipzig plane ich die europäischen Plätze und damit meine erste Europareise. Werder wird also mindestens Sechster, wenn nicht sogar Vizemeister…. 😉
Nach zwei Spieltagen ist das ungefähr so seriös wie eine Meisterfeier im August. Aber genau dieses Hin und Her – Weltuntergang am Sonntag in Freiburg, Europapokal am Samstag in Bremen – ist der Grund, warum wir das alle machen.
Fazit
Nach dem Abpfiff bin ich direkt nach Hause, glücklich und zufrieden und mit einem Saisonziel, das innerhalb einer Woche zwei Stockwerke nach oben gezogen ist.
Etappe 01 war eine Bahn-Odyssee mit sportlichem Fehlstart, Etappe 02 war das Gegenprogramm: kurzer Weg, volles Haus, ein Sieg gegen den Favoriten, Familie im Stadion und eine Kurve, die nach dem Spiel noch stand. Von 34 sind das erst zwei, aber langweilig wird diese Saison offensichtlich nicht.
34 Spiele. Eine Saison. Wieder nur Fan.
Die drei Formate dieser Etappe
- Die Zahl der Etappe
- 90+5 – die einzige Minute, die an diesem Nachmittag gestört hat.
- Der Mensch der Etappe
- Bruder Thomas, kurzfristig eingewechselt und zur Halbzeit wieder raus.
- Die Reisebilanz
- Großhansdorf – Weserstadion – Großhansdorf. Nach Etappe 01 die unkomplizierteste Variante, die es gibt.
