Köln – Block O4 statt O2, und am Ende steht die Null trotzdem woanders
1. FC Köln – Werder Bremen 1:1
Ich bin morgens im Zug gesessen und habe mir eingeredet, Block O2 sei ein Omen.
Dann saß ich in Block O4. Am Ende wurde es 1:1, und damit war meine kurze Karriere als Zahlenmystiker auch schon wieder beendet.
Der Vormittag: erst Kölsch, dann Extra-Punkte
Ankunft um zwölf, Anpfiff um halb sieben – dazwischen lag genau die Sorte Nachmittag, für die man Auswärtsfahrten macht.
Zum Essen gab es das erste Kölsch dieser Saison. Und weil man in Köln nicht lange erklären muss, warum ein einzelner Gast keinen eigenen Tisch braucht, wurde ich kurzerhand zu drei FC-Fans gesetzt, die sich ebenfalls auf den Abend vorbereitet haben. Nach zwei Minuten ging es nur noch um das Spiel, nach drei waren wir uns einig, dass beide Mannschaften einen Punkt gut gebrauchen könnten. Damit lagen wir am Ende sogar richtig, was für eine Prognose vor dem ersten Bier ein ordentlicher Wert ist.
Am Stadion: Jens, die Bierrunde und die halbe Branche
Vor dem Stadion bin ich meinem Jugendfreund Jens in die Arme gelaufen. Er ist Werder-Fan, sein Sohn großer FC-Fan – in dieser Familie ist so ein Abend also von vornherein eine heikle Angelegenheit, und bei einem 1:1 verlieren immerhin beide ein bisschen und keiner richtig.
Jens verfolgt die #34erSaison ohnehin schon mit, wir haben uns gleich per WhatsApp kurzgeschlossen und eine gemeinsame Auswärtsfahrt verabredet. Welche, das klären wir noch – Kandidaten gibt es reichlich.
Und dann stand da auch noch die halbe Fußball-Medien-Branche. Tobias Holtkamp und Marcel Wontorra sind beide große Werder-Fans; der eine zeigt es, der andere nicht. Tobias produziert heute Medieninhalte, unter anderem Fußball-Podcasts, und ist als Sport1-Kolumnist auch regelmäßig im Doppelpass zu sehen – zwischendurch war er mal Chefredakteur bei Transfermarkt, wir kennen uns also nicht erst von gestern. Marcel ist COO bei Dyn und hat vor dem Spiel eine große Runde Bier ausgegeben. Danke dafür, das merkt man sich.
Tobias hatte außerdem seinen Vater dabei. Oder umgekehrt, so ganz klar war das nicht.
Und Helmut Holtkamp hat dann eine Geschichte erzählt, gegen die mein ganzes Projekt jung aussieht: Er war am 24. August 1963 im Weserstadion, als Timo Konietzka nach nicht einmal einer Minute das allererste Bundesligator überhaupt schoss. Gegen Werder, wohlgemerkt. Wir haben an diesem Tag trotzdem 3:2 gewonnen, was die Sache deutlich erträglicher macht.
Nach ein paar Sätzen über die #34erSaison ist Helmut jetzt jedenfalls auch Fan des Projekts. Wer beim ersten Tor der Bundesligageschichte dabei war, darf sich die 34 Spiele einer einzelnen Saison gern in Ruhe ansehen.
Und weil es an diesem Nachmittag offenbar keine zufälligen Begegnungen gab, habe ich auch Moritz Seyffarth getroffen. Er ist Chefredakteur von Business Insider Deutschland, verantwortet den Wirtschaftsbereich bei WELT und hat den Podcast „Alles auf Aktien“ mitentwickelt, in dem ich selbst einmal Gast sein durfte. Auch Werder-Fan, natürlich.
Auf dem Foto, das er gemacht hat, sehe ich allerdings aus, als hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon deutlich mehr Kölsch gehabt, als in der Beerhop-Bilanz steht. Für das Protokoll: hatte ich nicht.
Der Mensch der Etappe: Micki Strepp und die Lücke, die keine Statistik misst
Im Stadion saß ich neben meinem Freund Micki Strepp – und wir hatten wirklich beste Plätze, auch wenn es eben nicht der angekündigte Block O2 war.
Micki ist mit seiner Firma Neuro4Sports ebenfalls im Bereich der Datenanalyse unterwegs, allerdings an einer Stelle, an der die klassischen Zahlen aufhören. Der häufigste Einwand gegen Statistiken lautet ja: Ein xG-Wert sagt nichts über den Charakter eines Spielers aus. Stimmt. Genau diese Lücke schließt Neuro4Sports.
Im Fußball gibt es dafür sogar eine eigene Kategorie, die jeder kennt und niemand messen kann: den Kabinenspieler. Der Mann, der in keiner Auswertung auftaucht und ohne den eine Mannschaft trotzdem anders aussieht.
Als Datennerd sitze ich da natürlich mit großem Vergnügen daneben. Ich habe fünfundzwanzig Jahre lang Daten gesammelt, die alles über Spieler sagen – nur eben das nicht. Und es ist spannend zu sehen, wie sich diese beiden Welten zusammenführen lassen.
50.000 in Müngersdorf: aus Zwillingen sind unterschiedliche Brüder geworden
In den 90ern haben sich Weserstadion und Müngersdorfer Stadion noch geähnelt wie Zwillinge, beide mit Tartanbahn drumherum, beide eher Leichtathletik mit Fußballbeigabe. Davon ist hier nichts mehr übrig. Zumindest von der Größe her hat das Stadion einen gewaltigen Sprung gemacht: 50.000 Zuschauer, ausverkauft, und eine Stimmung, die das auch hergegeben hat.
Der Werder-Block hat ebenfalls geliefert. Wer schon einmal auswärts im gegnerischen Rund saß und die eigene Kurve gegen 40.000 andere anhören konnte, weiß, wie viel das ausmacht.
In einer Reihe vor mir wurde ein Schal hochgehalten, auf dem nur ein Wort stand: MOIN. Nicht meiner, aber trefflicher hätte man es nicht sagen können. Moin, Kölle – wir sind hier, und das sieht und hört man.
Das Spiel: der Torwart als Lieblingsspieler
Das Spiel hat überraschend gut angefangen – überraschend deshalb, weil nach der starken Leistung gegen Leipzig viele einen Rückfall in alte Muster geunkt hatten. Und auch die Kölner haben sich anfangs nicht versteckt.
In der achten Minute gab es Elfmeter für Köln. Thijs Dallinga trat an, Karl Hein hielt. Drei Minuten später fing Köln den Ball im Bremer Spielaufbau ab, Linton Maina schloss ab, 1:0. So funktioniert Fußball auch: Der gehaltene Elfmeter war der laut gefeierte Moment, das Gegentor kam trotzdem.
Hein war an diesem Abend für mich Werders stärkster Mann, mit einigen Paraden und eben dem gehaltenen Strafstoß. Damit ist er ab sofort mein Lieblingsspieler. Marco Grüll darf sich nicht persönlich angegriffen fühlen – er steht ja weiterhin in meinem Managerspiel-Kader, und das ist in diesem Projekt sozusagen die Beamtenlaufbahn.
Zur Halbzeit stand es 1:0 für Köln, und trotzdem war dieses typische Fußball-Bauchgefühl da: Da geht noch was. In der 58. Minute traf Eren Dinkçi per Volley die Latte, was das Gefühl entweder bestätigt oder verhöhnt, je nach Naturell.
In der 69. Minute dann die Erlösung. Nach einer Ecke bekam die Kölner Abwehr den Ball nicht geklärt, und aus fünf Metern schob Niclas Füllkrug zum 1:1 ein. Alles andere wäre nach dieser zweiten Halbzeit auch nicht gerecht gewesen.
Von der Lücke zur Fülle
Zu Werder-Zeiten hieß Niclas Füllkrug noch „Lücke“. Später wurde daraus „Fülle“, und mir ist das ehrlich gesagt egal – solange Lücke die Buden macht.
Wie wichtig er für diese Mannschaft ist, hat man an diesem Abend allerdings nicht nur am Tor gesehen: Bei fast jeder Offensivaktion war er beteiligt – oder er wurde gesucht. Das ist der Unterschied zwischen einem Stürmer, der Tore schießt, und einem, um den herum eine Mannschaft spielt.
Womit wir wieder bei Micki und seinen Kabinenspielern wären. Das Tor steht in der Statistik. Dass eine ganze Mannschaft den Kopf hebt und ihn sucht, steht dort nicht.
Weiser ist zurück
Große grün-weiße Freude gab es dann noch einmal in der 83. Minute, als Mitchell Weiser nach sehr langer Verletzung endlich wieder aufgelaufen ist – vierzehn Monate nach seinem Kreuzbandriss. Man hat in diesen wenigen Minuten an seinen Gesten und an seiner Körpersprache gesehen, was ihm das bedeutet und was er dieser Mannschaft gibt.
Ich fahre in dieser Saison ohnehin zu jedem Spiel, ob mir das Ergebnis passt oder nicht. Aber solche Momente sind der Grund, warum das keine Pflichtübung ist.
Das Managerspiel, kurz und schmerzlos
Im Transfermarkt-Managerspiel habe ich an diesem Wochenende offensichtlich sehr wenige Punkte gemacht. Irgendwie hatte ich keinen einzigen Spieler im Kader, der getroffen hat. Nach Freiburg (Punkte, die ich nicht haben wollte) und Leipzig (Herz und Punktekonto in dieselbe Richtung) ist das nun die dritte Variante: gar nichts.
Fazit
Mit dem 1:1 bin ich zufrieden. Auswärts ein Punkt, gegen einen statistisch unangenehmen Gegner nicht verloren, und in der Tabelle steht Werder nach drei Spieltagen deutlich besser da, als ich es nach dem Auftakt in Freiburg befürchtet hatte. Passt.
Nach dem Abpfiff hat die Mannschaft das Unentschieden vor dem Block gefeiert, so stolz wie wir – und ich bin glücklich zurückgefahren. Vielleicht singe ich „Europapokal“ jetzt nicht mehr ganz so laut wie nach Leipzig. Mit dem Kopf bin ich aber schon bei Etappe 04, zu Hause gegen Augsburg, und das wird natürlich ein Pflichtsieg.
Besonders, wenn man nach Europa will. (Erwischt.)
34 Spiele. Eine Saison. Wieder nur Fan.
Die drei Formate dieser Etappe
- Die Zahl der Etappe
- 8 – die Minute, in der Karl Hein den Elfmeter hält und dieses Spiel ein anderes wird.
- Der Mensch der Etappe
- Micki Strepp, der beruflich genau das misst, was in keiner Statistik steht.
- Die Reisebilanz
- Großhansdorf – Köln – Großhansdorf, mit dem Zug. Erste richtige Auswärtsfahrt der Saison, diesmal ohne Odyssee.
