Deutscher Meister wird nur der SVW. Vielleicht.
SV Werder Bremen – FC Augsburg 3:2
Vor dem Spiel hatte ich zwei Prognosen: Meine Mathematik auf Cybersoccer sagte 2:1 für Werder, mein Bauch 2:0.
Es wurde 3:2. Die Tendenz hatten also beide richtig, das Ergebnis keiner – und nach 58 Minuten, beim Stand von 0:2, hätte ich auf beide nicht mehr viel gegeben.
Die Anreise: Heimspiel heißt nicht kurzer Weg
Ich hatte mich auf dieses Heimspiel auch deshalb gefreut, weil es organisatorisch eine Wohltat sein sollte – kein Bahnhof, kein Umstieg, keine Sitzplatzreservierung. Dass ein Hinweg nicht nur mit der Bahn nervig sein kann, hat mir dann die A1 beigebracht.
Bei Stillhorn war die Elbbrücke gesperrt, und die anderen Ausfallstraßen aus Hamburg heraus waren natürlich ebenfalls mit mehr oder weniger Baustellen verstopft. Aus einer normalen Fahrt wurde ein einstündiges Heraus- und Herumnavigieren. Als Spielvorbereitung ist das nicht optimal.
Im Stadion waren wir zwar rechtzeitig, aber wer erst um 15 Uhr ankommt und im Business-Bereich noch etwas essen und trinken will, hat plötzlich Stress. Ich weiß, ein Luxusproblem…. aber eben trotzdem eins.
Die Kurve, die Pyro und die Anzeigetafel
Pünktlich zur Choreo waren wir im Rund, und die Ostkurve hat wieder einmal eindrucksvoll gezeigt, warum man lieber fünf Minuten früher im Stadion ist als fünf Minuten später.
Gewidmet war sie Jörn, einem Werder-Fan, der vor fünf Jahren gestorben ist. „Nun schon seit 5 Jahren“ stand auf dem Spruchband, darunter hing eine riesige Blockfahne mit seinem Namen. Mehr weiß ich über ihn nicht. Aber wie eine Kurve an einen der Ihren erinnert, hat mich beeindruckt.
Die Augsburger haben dann auch noch ein bisschen Pyro gezündet. Das war schnell verflogen, der Rauch zog pink über den Rasen – und auf der Anzeigetafel stand darüber in Rot: „Pyrotechnik verboten“. Eine schöne Illustration dafür, wie viel so ein Verbot in einer Fankurve wert ist.
Die erste Stunde: Ernüchterung aus dem Halbfeld
Nach den Ergebnissen gegen Leipzig und in Köln war die Euphorie groß. Die erste Halbzeit hat sie dann ziemlich zuverlässig wieder eingefangen.
Augsburg stand tief, und Werder hat eine Flanke nach der anderen aus dem Halbfeld geschlagen. Gegen eine tief stehende Fünferkette mit sehr großen Verteidigern ist das kein wirksames Mittel. Ballbesitz satt, Ideen wenig. Und so kam es, wie es gegen tief stehende Mannschaften eben oft kommt: Augsburg hat seine wenigen Chancen genutzt. In der 18. Minute lief Robin Fellhauer einen Konter zum 0:1 zu Ende, so ging es in die Pause.
Der Start in die zweite Halbzeit war nicht besser. In der 58. Minute köpfte Calvin Brackelmann nach einer Ecke das 0:2, und das war dann sehr, sehr ernüchternd.
Der Mensch der Etappe: Frank Pieper und das geschulte Trainerauge
Neben mir saß an diesem Nachmittag Frank Pieper. In meiner Zeit als Präsident bei Concordia Hamburg war er die längste Zeit unser Cheftrainer, und die großen Siege haben wir damals schon gern gemeinsam gefeiert.
Fußballschauen mit Frank macht besonders viel Spaß, weil er einem die vielen Kleinigkeiten auf dem Platz zeigt, die man als Fan meistens übersieht und die am Ende womöglich über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Beim Stand von 0:2 hat er mit seinem geschulten Trainerauge das Problem sofort benannt: Statt der ewigen Flanken aus dem Halbfeld sollte Werder es lieber mit kurzen, flachen Pässen versuchen.
Und dann hat Werder auf Pieper gehört. (Auf dem Platz stand übrigens auch einer, Amos – der kann also nicht gemeint sein.)
In der 66. Minute spielte Chuki flach in den Lauf, und Marco Grüll schob zum 1:2 ein. Genau so eine Kombination hatte Frank gerade erst beschrieben.
Ein Werder-Wunder, das sich ankündigt
Was dann kam, war wieder eines dieser emotionalen Werder-Wunder.
In der 68. Minute kam Mitchell Weiser für Eren Dinkçi, und man hat von der Tribüne aus gesehen, wie ein Ruck durch die ganze Mannschaft ging. Gefühlt war das Spiel plötzlich wieder offen. Oder, wie Wolff Fuss es immer sagt: „Wir haben ein anderes Fußballspiel.“
Grüll spielt zurzeit großartig, und er hat es an diesem Nachmittag nicht beim Tor belassen. In der 86. Minute legte er für Niclas Füllkrug auf, 2:2. Und wieder war es Lücke, der die Bude macht.
In der dritten Minute der Nachspielzeit flankte Grüll dann noch einmal, und Mitchell Weiser traf mit links zum 3:2. Ein Wundertreffer, anders kann man das nicht nennen. Eine Woche nach seinem Comeback in Köln sein erstes Saisontor, und das gleich als Siegtor.
Gefeiert wurde danach noch zwanzig Minuten im Stadion. Dass Weiser zu den Fans „auf den Zaun musste“, hat deshalb niemanden überrascht, und wir haben es alle mitgefeiert.
Grüll übrigens: ein Tor, zwei Vorlagen. Da er in meinem Managerspiel-Kader steht, werde ich an diesem Wochenende viele Punkte machen – danke, Marco.
Mein Lieblingsspieler dieser Etappe ist trotzdem Mitchell Weiser. Eine Woche nach seinem Comeback eingewechselt, das Spiel verändert und dann in der 93. Minute selbst entschieden – mehr kann man an einem Nachmittag nicht zurückgeben.
Thomas setzt Prioritäten
Das Spektakel habe ich mir mit meinem Bruder Thomas angeschaut, und der hatte nach dem Spiel – wie schon so oft – wieder eine Verabredung. Diesmal ein Klassentreffen.
Aber diesmal hat er Prioritäten gesetzt: „Das Klassentreffen muss warten…. ich muss hier feiern.“
Ich habe derweil mehr oder weniger laut den Schlachtruf gesungen: „Deutscher Meister wird nur der SVW.“ Vielleicht, aber wirklich nur vielleicht, etwas früh am 4. Spieltag. Nach Leipzig war es der Europapokal, jetzt die Meisterschaft – ich sollte mir für Dortmund etwas Bescheideneres vornehmen.
Schiedsrichter Dankert und meine Fanbrille
Einen Wermutstropfen hatte das Spiel, und der hieß Bastian Dankert. Mit meiner Fanbrille betrachtet hat er natürlich einseitig gepfiffen. Die beiden Gelben Karten gegen Arthur und Grüll waren genauso verwunderlich wie die Regelauslegung in der Nachspielzeit, nach der Marco Friedl wegen einer Kopfverletzung eine Minute den Platz verlassen musste, obwohl er weder eine Behandlung noch eine Unterbrechung wollte.
Das ist allerdings ein generelles Problem: Viele Fans können die Regeln einfach nicht mehr alle nachvollziehen. Ich zähle mich da ausdrücklich dazu.
Bei Dankert fällt mir außerdem auf, dass Werder unter seiner Leitung selten gut aussieht. Transfermarkt führt dazu eine Bilanz nach Vereinen: 28 Werder-Spiele, nur sieben Siege, aber 14 Niederlagen – so viele wie bei keinem anderen Verein unter ihm. Dazu 53 Gelbe, drei Gelb-Rote und zwei Rote Karten, also fünf Platzverweise, auch das ist bei ihm Spitzenwert. Elfmeter für Werder: genau einer.
Solche Statistiken eignen sich natürlich hervorragend, um sich als Fan seine „Wahrheit“ zurechtzubiegen. Ich habe das an dieser Stelle selbstverständlich nicht getan.
Die dritte Halbzeit: Brommy, Eisen und „Krabbel die Wand hoch“
Die dritte Halbzeit habe ich mit meinen beiden glücklichen Gästen gefeiert, Frank Pieper und Micki Strepp. Natürlich zuerst im Brommy, meiner damaligen Fußballstammkneipe, und später dann im Eisen.
Bier gab es reichlich, für Beerhop allerdings leider keins, das die Datenbank noch nicht kannte. Auch eine dritte Halbzeit kann anstrengend sein. Das liegt nicht zuletzt am Hausschnaps im Eisen, der „Krabbel die Wand hoch“ heißt – und da ist der Name Programm.
Meine Mutter möchte an dieser Stelle erwähnt haben, dass das Feiern mit Alkohol im Brommy und im Eisen nichts für zartbesaitete Kinderaugen ist. 🙂
Micki ist in der Nacht noch nach Düsseldorf zurückgefahren, Frank und ich haben den Zug nach Hamburg genommen. Und dort gab es dann doch noch die erste Niederlage des Tages für mich: im Backgammon. Gegen einen Trainer zu verlieren, der einem vorher erklärt hat, wie man ein Spiel dreht, ist irgendwie folgerichtig.
Fazit
Nach 58 Minuten stand es 0:2, und ich hätte mit einem Punkt sehr gut leben können. Am Ende sind es drei geworden, Werder steht nach vier Spieltagen mit sieben Punkten auf Platz 6, punktgleich mit Augsburg. Die Gäste haben ihre erste Saisonniederlage kassiert, und ich habe meinen „Pflichtsieg“ – auch wenn er sich unterwegs zwischendurch überhaupt nicht nach Pflicht angefühlt hat.
Jetzt ist Länderspielpause. Etappe 05 ist am Freitag, 9. Oktober, um 20:30 Uhr in Dortmund, beim Tabellenführer. Das wird dann wirklich kein Pflichtsieg.
34 Spiele. Eine Saison. Wieder nur Fan.
