Wir haben ein anderes Fußballspiel
Borussia Dortmund – SV Werder Bremen 2:2
Vor dem Spiel hatte ich wieder zwei Prognosen: Meine Mathematik auf Cybersoccer sagte 2:0 für Dortmund, mein Bauch eher 2:1 oder 3:1. Mein Wunschtipp war 1:1.
Es wurde 2:2. Mathematik und Bauch lagen also beide daneben, mein Wunsch lag zumindest mit dem Unentschieden richtig.
Die Anreise: über sechs Stunden mit Lena
Meine Begleitung war diesmal Lena ♥️. Wir sind zwar früh losgefahren, mit dem Auto. Gebracht hat das zunächst wenig: Die Hinfahrt dauerte über sechs Stunden und hatte am Ende zwei Stunden Verspätung gegenüber dem Plan. Trotzdem waren wir rechtzeitig im Stadion, und vor dem Eingang musste natürlich das Trikot-Foto sein: Cybersoccer, Nummer 34, im Hintergrund der Signal Iduna Park.
Und traditionell gehörten Wurst und Bier dazu. Diesmal im Becher mit Gregor Kobel, was ich als freundliche Geste des Gastgebers werte.
Die Gelbe Wand und die Werder-Fans
Die Gelbe Wand hat wieder performt, anders kann man das nicht sagen. Wer einmal in Dortmund war, weiß: Die Wand ist kein Gerücht.
Aber auch die Werder-Fans waren zahlreich und laut vertreten, und das über 90 Minuten. Gegen diese Kulisse in Dortmund bleibt einem als Gästefan nur die Lautstärke, und die haben sie ausgereizt.
Pfirsich, Papageien und ein Double
Überrascht hat mich das Trikot von Werder. Diese Pfirsich-Farbe ist jetzt nicht die allererste Farbe, die ich mit dem zukünftigen grün-weißen Deutschen Meister verbinde.
Aber Werder hat ja Erfahrung mit umstrittenen Trikots. In der Saison 2003/04 spielte Werder im sogenannten Papageien-Trikot von Kappa: grün mit orangen Ärmeln, nach dem Vorbild der AS Rom, und bei den Fans anfangs ungefähr so beliebt wie ein Platzverweis. Beim ersten Testspiel sollen sie laut gesungen haben, das seien die hässlichsten Trikots. Verkauft hat es sich trotzdem hervorragend, es gilt als das verkaufsstärkste Werder-Trikot überhaupt.
Und in genau dieser Saison hat Werder das Double geholt, Meisterschaft und Pokal. Wenn das kein gutes Omen für ein Pfirsich-Trikot ist….
Die ersten 75 Minuten: Dortmund hat das Spiel, Hein hat die Bälle
Wie so oft hat das Spiel für Werder damit angefangen, sich in den Zweikämpfen schwerzutun und viele Fehlpässe zu spielen. Das ist unglücklich, wenn man als Mannschaft ohnehin so tief steht.
Dortmund hatte das Spiel bis kurz vor Schluss fest im Griff, und bis auf zwei, drei brandgefährliche pfirsichfarbene Angriffe kam von uns wenig. Mein Lieblingsspieler des Abends war deshalb Karl Hein. Er hat sieben Bälle gehalten, gegen Beier, Schlotterbeck und zweimal gegen Nwaneri, und er war der Grund, dass es überhaupt noch spannend wurde.
Ab etwa der 75. Minute gab es dann plötzlich ein Aufbäumen von Werder. Ich dachte noch: „Na, rächt sich jetzt das Chancentod-Spiel der Dortmunder?“
2:0 – und meine Fanbrille
In der 80. Minute machte Daniel Svensson nach einem Konter das 1:0, und dort, wo Werder gerade erst ein bisschen Platz gewonnen hatte, hatte plötzlich Dortmund welchen. Fünf Minuten später folgte nach einer Ecke das 2:0 durch Nico Schlotterbeck, per Kopf.
Über das 2:0 habe ich mich mit meiner Fanbrille natürlich aufgeregt. Für mich war das klar Abseits, denn Felix Nmecha greift durch den Block gegen Karl Hein aktiv ins Spiel ein. Das muss Schiedsrichter Christian Dingert doch pfeifen…. 🙂
Ich bin damit nicht allein: Im Transfermarkt-Forum wird die Szene unter „Aktives Abseits beim 2:0“ in der Wahren Tabelle diskutiert. Ob die Fanbrille hier recht hat, kann dort jeder selbst entscheiden.
Das nächste Wunder von der Weser
Was dann kam, war wieder das gleiche Wunder von der Weser: Werder hat nicht aufgegeben.
In der 88. Minute schoss Ludovit Reis nach einem Ballverlust der Dortmunder im Aufbau den Anschlusstreffer zum 2:1. Und in der zweiten Minute der Nachspielzeit köpfte Niclas Füllkrug eine Freistoßflanke von Marco Grüll zum 2:2 ins Netz. Die Sensation, gegen seinen Ex-Klub, in Dortmund.
Es sind genau diese unverdienten Unentschieden, bei denen die Nachspielzeit die spannendste Phase ist, die sich im Fußball so gut anfühlen. Und ja, ich gebe es zu: Es ist auch ein bisschen Häme dabei. 🙂
Dass das kein Zufall mehr ist, belegt inzwischen sogar die Statistik: Fünf Punkte nach Rückstand sind Liga-Bestwert, und mit zwei Treffern in der Nachspielzeit ist Werder zusammen mit Union Berlin das beste Team der Liga. Daniel Thioune hat es bei Sky ungefähr so zusammengefasst: Es sei „nicht normal“, in diesem Stadion einen solchen Rückstand noch aufzuholen.
Somit wird das, was ich bisher scherzhaft gesungen habe, womöglich doch noch wahr: Deutscher Meister wird nur der SVW….
Wir haben ein … Fußballspiel
Aber wie sagt Wolff Fuss, der Sky-Kommentator, immer gern: „Wir haben ein … Fußballspiel.“ Für die Punkte kann man je nach Verlauf nichts, „anderes“ oder „neues“ eintragen.
Nach 80 Minuten in Dortmund hätte ich nichts eingetragen: Wir hatten ein Fußballspiel, und Dortmund hatte es im Griff. Nach dem 2:1 von Reis war es ein anderes Fußballspiel, und nach dem 2:2 in der Nachspielzeit fast ein neues.
Lena und ein großes Herz
Im Stadion war ich mit Lena ♥️. Sie hat das Spiel eher neutral betrachtet und ein eher durchwachsenes Spiel gesehen, das erst mit dem ersten Tor Spaß gemacht hat. Aus neutraler Sicht ist das vielleicht verständlich.
Aber ihr Herz muss schon sehr groß sein, wenn sie extra dafür auf der Hinfahrt sechs Stunden und auf der Rückfahrt viereinhalb Stunden mit mir im Auto sitzt, im Stau steht oder kurz an einer Ladesäule verbringt. Ich liebe unser Elektroauto. Spaß hat nur die Playlist der 80er, 90er und 2000er gemacht, und wenn ich geschlafen habe, hörte sie heimlich HSV-Lieder.
Fazit
Nach 80 Minuten hätte ich mit einem Punkt nicht gerechnet, nach 85 Minuten hätte ich ihn nicht mehr erwartet, und nach 92 Minuten hätte ich ihn nicht mehr hergegeben. Werder steht nach fünf Spielen mit acht Punkten auf Platz vier, Dortmund bleibt mit 13 Punkten Tabellenführer und hat die Zeit bis zum DFB-Pokal am 27. Oktober, sich zu rächen.
Jetzt geht es wieder nach Hause: Etappe 06 ist am Samstag, 17. Oktober, um 15:30 Uhr im Weserstadion gegen den SC Paderborn.
34 Spiele. Eine Saison. Wieder nur Fan.
